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PAPSTWAHL
IN DEN MEDIEN
„MEINE
MEINUNG STEHT FEST, VERWIRREN SIE MICH NICHT MIT TATSACHEN“
Am
18. April 2005 trafen in Rom alle stimmberechtigte Kardinäle zusammen, um
der Frage nachzugehen, wer
von den 12 Kandidaten den Platz des Nachfolgers von Johannes Paul II
einnehmen und somit in den Apostolischen Palast ziehen dürfe. Die
Papstwahl vollzog sich - wie man vermutet – in nur fünf bis sechs
Durchgängen und bereits nach 26 Stunden stieg weißer Rauch aus dem
Kamin, welcher signalisierte, man habe nun des Rätsels Lösung gefunden.
- Und diese erhielt dann auch sogleich den (deutschen) Namen „Joseph
Ratzinger“. Doch so reibungslos wie der Prozess auch innerhalb der Wände
des Doms seinen Lauf nahm - der Konsens hinsichtlich des neuen Habemus
Papam blieb in einigen Ländern und vor allem in deren Medien aus. Freude
und Gefühle des Glücks bei den einen gingen mit
Empörung und Wut bei den anderen einher.
„Wir
sind Papst!“
Mit
breiter Zustimmung und einem strahlendem Lächeln im Gesicht entgegnete
man dem Wahlergebnis in Deutschland. Sondersendungen im deutschen öffentlich
rechtlichen Fernsehen mit Fokus auf Herrn Ratzingers Curriculum Vitae überschlugen
sich, als ob man an Gedächtnisschwund leiden würde, Bewohner aus seinem
Geburtsort bekamen die Eingebung (ob vom Glauben geleitet oder auch nur
geschäftlicher Natur sei an dieser Stelle dahin gestellt) kleine Papst-Törtchen
zu verkaufen und das Foto des neuen Papstes zierte jedes Titelblatt. Sogar
die Frankfurter Allgemeine Zeitung verzichtete diesmal nicht auf eine
bildliche Untermalung ihrer Schlagzeile, obwohl seit der World Trade
Center Tragödie lediglich zum Tod von Papst Johannes Paul II
ein Foto auf deren Deckblatt ihren Platz fand. Auch die
„Financial Times Deutschland“ sowie das „Handelsblatt“ gaben dem
Papst als Aufmacher gegenüber aktuell konjunkturellen Meldungen Priorität.
Gewissen
Unterhaltungswert lieferte die Bild-Zeitung, die auf ihrer Titelseite
pathetisch „Wir sind Papst“ verkündete und somit folglich alle
deutschen Staatsbürger zu Stellvertretern Gottes deklarierte.
Not
Amused
Die
Bevölkerung Großbritanniens hingegen reagierte auf die Neuigkeiten aus
dem Vatikan großteils mit einem kräftigen Stirnrunzeln, das spätestens
nach Verbinden des Themas „neuer deutscher Papst“ mit
Nationalsozialismus seitens der britischen Presse in Empörung und Wut
umschlug. Der Initiator dieser Entwicklung war
ein Korrespondent des „Independent“, der nach Traunstein - dem Ort, wo
Ratzinger seine Schule besuchte – reiste und sich nach jener
Stadtgeschichte erkundigte. Dabei stieß er auf die während Ratzingers
Jugendzeit an Juden verübten Nazi-Massaker und kritisierte in seinem kurz
darauf verfassten Artikel, dass diese Tatsache vor den Wahlen in der
Biographie des Kandidaten nie thematisiert wurde. Nährreichen Boden für
die anhaltende Bildung von Angriffen lieferte überdies ein Foto, auf dem
Joseph Ratzinger als Flak-Helfer zu sehen ist, welches nun als
Hauptargument für die negativ besetzte Berichterstattung britischer
Journalisten fungiert. Jenes Bild löste nämlich auf der Insel
kontroverse Interpretationen aus, welche letztendlich den Eindruck
suggerierten, man könne den Papst darauf als Hitlerjungen identifizieren.
Andere angel-sächsische Printmedien schlugen folglich den gleichen Kurs
ein, der schließlich zu einer nahezu unmittelbaren Verflechtung des
Papstes und den nationalsozialistischen Vergehen führte und darüber
hinaus in der Entstehung von nicht angebrachten Schlagzeilen wie „Panzer
Papa“ (The Sun), „Panzerkardinal“ (Agentur PA), „Einpeitscher“
(Daily Mirror) und „Gottes Rottweiler“ (Daily Telegraph) resultierte.
Auch
die „Daily Mail“ (Auflage 2,5 Millionen) widmete sich in einer
hypertrophen Art und Weise dem gegebenen – um nicht verlauten zu lassen:
konstruierten – Thema und bot a la Mediashop sozusagen „noch eins
drauf“ indem sie im Anschluss an der schriftlichen Auseinandersetzung
mit „Papa Ratzi“ einen Artikel mit der Kernfrage „Was wäre wohl
gewesen, hätte Hitler England erobert?“ publizierte.
Kritik
der Kritik
Diese
Verhaltensweisen britischer Printmedien zog erwartungsgemäß starke
Kritik deutscher Diplomaten sowie auch aufgebrachter Katholiken nach sich.
Man tat inständig kund, dass jene verfassten Texte keine objektiven
Berichte mehr darstellen würden, sondern es sich hierbei eher um eine
Darbietung von Wut handele. Im gleichen Zuge erklärte auch
Kirchenhistoriker Pfnür die Hintergründe des so umstrittenen Fotos,
verurteilte hierbei „die groteske Abstempelung Ratzingers als Nazi“
und betonte diesbezüglich, dass er als 16-Jähriger gezwungen war mit der
gesamten Internatsklasse von Traunstein nach München zu gehen und dort in
seiner Freizeit zum Dienst in der Abwehr feindlicher Flieger verpflichtet
wurde. Fest steht, dass er nie ein Sympathisant des NS-Regimes war und später
sogar den Kriegsdienst verweigerte.
Derart
aufgebrachte Reaktionen, die in Großbritannien an den Tag gelegt wurden,
werfen nun natürlich auch Fragen nach deren Ursachen auf. Eine der vielen
Theorien, die einen Erklärungsansatz für die teils vorhandene Antipathie
abgibt, ist, dass die Deutschen, oder „Krauts“ (so wie sie gern im
englischsprachigen Raum aufgrund ihrer angeblichen Liebe zu Sauerkraut
genannt werden) heutzutage in einigen Fällen immer noch in erster Linie
mit dem Schatten ihrer Vergangenheit in Verbindung gebracht werden.
Zwar
ist die stabile Demokratie unserer Nachbarn allseits bekannt, aber gerade
weil es sich in Punkto Papsttum auch um eine geostrategische Machtposition
handelt (man erinnere sich an dieser Stelle an den Fall des
Sowjet-Imperiums 1989), scheint es hier wohl zu einer hohen Sensibilität
zu kommen, deren Schmerzensgrenze in diesem Kontext zu Recht sehr niedrig
ist. Und gerade weil unser neuer Papst eine Person ist, die im
unmittelbaren Kontakt mit jener leidvollen Zeit stand, ist eine gewisse
Unsicherheit, die jedoch in keiner unbegründeten bzw. aufgrund nicht
fundierten Informationen entstandenen Abneigung enden sollte, zunächst
durchaus nachvollziehbar.
Traurig
allerdings ist, dass ausschließlich „The Times“ (Bezug nehmend auf
die auflagen - stärkeren Zeitungen Großbritanniens) dies erkannte und in
Joseph Ratzinger einen interessanten Neuanfang sieht. Stützend auf der
Kenntnis, dass er den zerstörerischen Effekt einer politischen Religion
kennen lernen musste, wird er gerade wegen und nicht trotz seinem
„Gestern“ als Verkünder des Glaubens als geeignet empfunden.
Beata Wasilewski / Mai 2005
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